Kunst.
tisoware.EDITION Nr. 7


Doris Knapp "Zeit, fließend"

Die großzügige Ausstellungssituation in den Räumen des Carl-Schirm-Gewerbeparks in Kirchentellinsfurt wurde anlässlich unseres 11. Sommertreffens am 22. Juli 2004 von der Reutlinger Künstlerin Doris Knapp bespielt. Gezeigt wurden Werke, die ganz aktuell in den Jahren 2001-2004 entstanden sind; Bilder einer Künstlerin, die nicht müde wird, etwas Neues – seien es nun innovative Techniken oder neuartige Bildideen – auszuprobieren. Schon ihr Lebenslauf impliziert dies: 1923 in Ostpreußen geboren, den Vater früh im Krieg verloren, mit der Mutter nach Berlin geflohen, nimmt sie dort bereits ein Jahr nach Kriegsende das Studium der Zahnmedizin auf, das sie mit Promotion und Approbation abschließt. Sie arbeitet als Zahnärztin in Berlin, bis sie den Reutlinger Zahnarzt Dr. Karl Knapp kennen lernt und ihm nach Reutlingen folgt, wo sie gemeinsam praktizieren. Das Paar bekommt zwei Söhne, verständlich, dass da der Urwunsch aus Kindertagen, nämlich Malerin zu werden, vorläufig hintanstehen muss. Erst ab 1971 beginnt sie, sich frei zu schwimmen und nimmt Kurse und Unterricht bei verschiedenen Künstlerpersönlichkeiten und in unterschiedlichen Techniken. Noch heute zeigt sich dies in ihrer künstlerischen Bandbreite zwischen Aquarell, Radierung, Ätzung oder auch Collage. Doris Knapp arbeitet bevorzugt in Serien, um eine Bildidee von allen Seiten her intensiv auszuloten. Die Künstlerin schafft keine Abbilder von Wirklichkeit, sie ergründet Zustände: Realität ist für sie ein Stichwortgeber, eine Quelle der Inspiration.

Sehr gut nachzuvollziehen ist dies am Knappschen Werk, das für die diesjährige tisoware.EDITION ausgewählt wurde. „Zeit, fließend“ ist das 2004 entstandene Aquarell betitelt. Gelb-grün geschichtete Farbstrukturen konkretisieren das Kontinuum von Zeit, untermalt von einem zarten Grau-Blau und akzentuiert durch rote offene Dreiecksfiguren, die einseitig mit einem Farbpunkt hervorgehoben werden. Im unteren mittleren Zentrum des Bildes befindet sich eine dominante lasierend-grüne Fläche, die sich in drei Strahlen nach oben öffnet. Über das Bild verteilt finden sich staccatoartige, streifenförmige Verletzungen des Papiers – bewusste Einschnitte in den Prozess Zeit, der immerwährend stattfindet und doch nicht unserer Kontrolle unterliegt? Der Bildtitel drückt es aus: „Zeit, fließend“.